Biographie  Lebensdaten  Bibliographie

1876
Minna Hermine Paula Becker wird am 8. Februar in Dresden als drittes von sieben Kindern geboren. Ihr Vater, Carl Woldemar Becker (Odessa, 31.1.1841 – Bremen, 30.11.1901), ist Bau- und Betriebsinspektor der Berlin-Dresdner Bahn, später in Bremen Baurat der Preußischen Eisenbahnverwaltung. Ihre Mutter, Mathilde Becker (Lübeck, 3.11.1852 – Bremen, 22.1.1926), entstammt der thüringischen Adelsfamilie von Bültzingslöwen.

1888
Übersiedlung nach Bremen an die Schwachhauser Chaussee 29. Die Familie nimmt regen Anteil am literarischen und künstlerischen Leben der Stadt.

1892
Siebenmonatiger England-Aufenthalt bei der Schwester ihres Vaters, Marie Hill, auf einem Landgut bei London. Erster Zeichenunterricht nach Gipsmodellen in der »St. John’s Wood Art School« bei dem Lehrer Ward.
»Ich habe dort alle Tage Stunden von 10–4 Uhr. Zuerst zeichne ich nur, und zwar ganz einfache Arabesken usw. Mache ich darin Fortschritte, so zeichne ich in Kohle nach griechischen Modellen. [...] Sollte ich noch weiter kommen, so zeichne und male ich nach lebendigen Modellen.« (an die Eltern, 21.10.1892)

1893–95
Auf Wunsch des Vaters Besuch des Lehrerinnenseminars in Bremen; sie legt am 18. September 1895 das Examen ab. Daneben Mal- und Zeichenunterricht bei dem Bremer Maler Bernhard Wiegandt.
»[...], wo ich jetzt so prachtvolle Stunden habe bei Wiegandt. Da muß ich vom lebenden Modell zeichnen, in Kohle. [...] Seitdem zeichne ich mein teures Spiegelbild, [...]« (an Kurt Becker, 26.4.1893)
Im April 1895 Besuch der ersten Ausstellung der Worpsweder Maler in der Bremer Kunsthalle. Sie erwähnt Fritz Mackensen, Otto Modersohn und Heinrich Vogeler.
»Du hörtest gewiß auch von der Haidepredigt, die der eine von ihnen, Mackensen, in einem eigens dafür gebauten Glaswagen, malte. [...] Natürlich alles riesig realistisch aber ganz famos. Das einzige, was ich nicht ganz verstehen kann, ist die Perspektive. [...] Weißt Du, das ganze scheint sich nach unten zu senken, als ob es fiele? Ob das richtig ist und unsere sich verkürzende Perspektive nur etwas künstlich Anerzogenes ist. [...] Sonst interessiert mich noch riesig ein Modersohn. Der hat die verschiedenen Stimmungen in der Heide so schön geschildert, sein Wasser ist so durchsichtig, und die Farbe so eigenartig. Auch ein junger Bremer Vogeler [...] Er malt die ganze Natur nach der vorraphaelischen Zeit ganz stilisiert.« (an Kurt Becker, 27.4.1895)

1896
April/Mai Teilnahme an einem Kurs der Zeichen- und Malschule des 1867 gegründeten »Vereins der Berliner Künstlerinnen und Kunstfreundinnen« in der Potsdamer Straße 38; die Lehrer sind Jacob Alberts und Curt Stöving. Sie wohnt bei ihrer Tante Paula Rabe in der Perleberger Straße 23.
»Vier Nachmittage der Woche gehören meinem Zeichenunterricht, der bildet jetzt den Inhalt meiner Gedanken. [...] Wenn ich mit jemandem spreche, so beobachte ich mit Fleiß, was für einen Schatten die Nase wirft, wie der tiefe Schatten auf der Wange energisch ansetzt und doch wieder mit dem Licht verschmilzt. Dies Verschmelzen finde ich das Schwerste. Ich zeichne noch jeden Schatten zu ausgeprägt, ich bringe noch zu viel Unwichtiges auf das Papier, [...], meine Köpfe sind noch zu hölzern und unbeweglich.« (an die Eltern, 23.4.1896), und »Riesig, riesig schwer! Das Ganze immer im Auge zu behalten, wo man doch zur Zeit immer nur das Einzelne sieht. Ich lebe jetzt ganz mit den Augen, sehe mir alles aufs Malerische an. Wenn ich durch die Potsdamerstraße meinen Weg zur Zeichenschule pilgere, beobachte ich tausend Gesichter, die an mir vorbeikommen, und versuche mit einem Blick das Wesentliche an ihnen zu entdecken. Das ist sehr amusant und ich muß mir oft Mühe geben, nicht laut zu lachen, wenn sich die seltsamsten Gegensätze folgen. Dann versuche ich alles flächig zu sehen, die runden Linien in eckige aufzulösen.« (Tagebuch [?], vor dem 18.5.1896)
Ab Oktober Beginn der eineinhalbjährigen Ausbildung: Porträtklassen von Jacob Alberts und Martin Körte, Aktklasse von Ernst Friedrich Hausmann, Landschaftsklasse von Ludwig Dettmann.
(Diese Berliner Studienzeichnungen sind im Nachlaß fast vollständig erhalten.)
Sie wohnt im Hause des Onkels Wulf von Bültzingslöwen in Berlin-Schlachtensee und nutzt die freie Zeit zum Studium in den Museen.
»Bei den Deutschen und Holbein bin ich jetzt ganz zu Hause, aber Rembrandt bleibt doch der Größte.« (an die Eltern, 23.4.1896)
Im Sommer, auf Einladung ihrer Tante Marie Hill, Reise nach Hindelang mit Station in München zum Besuch der Pinakothek und der Schackgalerie.

1897
Im Februar Eintritt in die Malklasse von Jeanne Bauck, sie malt überwiegend Porträts.
»Ich habe die Landschaftsstunden aufgegeben und arbeite nun die ganze Woche Porträt. Ich bin in der Malklasse, die außer mir noch die fünf tüchtigsten Porträtmädchen enthält. Ich will natürlich noch zeichnen, denn das sehe ich an den begabten Mitschülerinnen, wie es bei ihrem Malen oft noch beim Zeichnen hapert. Das mochte sich Fräulein Bauck auch gedacht haben und so läßt sie ganz einfach und energisch uns alle zeichnen.« (an die Eltern, 5.3.1897), und »Ich liebe die Ölfarben. Sie sind so saftig und kräftig, es arbeitet sich herrlich damit nach dem schüchternen Pastell. [...] Bei Hausmann habe ich gestern auch in Öl angefangen. Er läßt ganz anders arbeiten als Jeanne Bauck. Während diese das höchste Licht als Norm annimmt und von da in den Schatten arbeiten läßt, geht Hausmann vom Schatten aus. Je tiefer Du den einsetzest, um so heller muß auch das Licht sein. Rembrandt erzielte doch so kolossale Lichterfolge, das kam von der Tiefe seiner Schatten. Die lebende Haut hat aber im Licht so etwas Blendendes, Leuchtendes, daß man sie gar nicht hell genug angeben kann.« (an die Eltern, 14.5.1897)
Sie besucht häufig die Kunstausstellungen bei Schulte, Gurlitt sowie Keller & Reiner, wo in diesem Jahr eine Munch-Ausstellung gezeigt wird. Im Kupferstichkabinett sieht sie die Zeichnungen Michelangelos und Botticellis Illustrationszeichnungen zu Dantes »Göttlicher Komödie«. Sie entwirft Titelblätter für die Zeitschrift »Jugend«, die jedoch nicht gedruckt werden. Von Ende Juli bis Ende August erster Worpswede-Aufenthalt zusammen mit der Malfreundin Paula Ritter.
»Heute habe ich mein erstes Pleinairporträt in der Lehmkuhle gemalt. Ein kleines, blondes, blauäugiges Dingelchen. Es stand zu schön auf dem gelben Sand. Es war ein Leuchten und Flimmern. Mir hüpfte das Herz. Menschen malen geht doch schöner als eine Landschaft« (an die Eltern, Worpswede, August 1897), und »Am Morgen malte ich einen alten Mann aus dem Armenhaus. Es ging fein. Er saß wie ein Stock mit dem grauen Himmel als Hintergrund.« (an die Eltern, Ende August 1897)
Anfang Oktober Reise nach Dresden zur »Internationalen Kunst-Ausstellung«, an der u.a. Monet, Pissarro, Simon und Sisley, Böcklin, Hodler, Kalckreuth, Klinger, Leibl, Liebermann aber auch die Worpsweder beteiligt waren; von Meunier wurde eine umfangreiche Sonderausstellung gezeigt. Zum Semesteranfang Ende Oktober beteiligt sie sich mit einigen Arbeiten an der Ausstellung der Malschule.
»Das Neueste vom Neuen ist die heutige Eröffnung unserer Schulausstellung. [...] Man schleicht unruhig durch die Säle, verstohlen rechts und links blickend, mit dem schlechten Gewissen eines Verbrechers. Endlich, der Schreck! Man hat seine Schmerzenskinder entdeckt und eilt schleunigst davon, um Nachstellungen zu entgehen. Gerade so ging es mir. Die eine Wand konnte ich mit Ruhe besehen, dann fiel mein Blick auf Rieke Gefken und die roten Lilien und ich eilte davon...« (an die Eltern, 28.10.1897).
Anfang Dezember reist sie nach Wien zur Hochzeit ihrer Cousine Lily Stammann mit dem Bildhauer Carl Bernewitz. Besuch der Museen und der Liechtenstein-Galerie. Sie nennt Moretto, Tizian, Rubens, Dürer, Cranach, Holbein, Leonardo, van Dyck.

1898
Fortsetzung des Studiums in Berlin. Im März/April besucht sie die Ausstellung von Künstlerlithographien im Lichthof des Kunstgewerbemuseums, in der u.a. Arbeiten von Liebermann, Klinger, Menzel, Thoma, Puvis de Chavannes, Carrière, Fantin-Latour, Manet, Meunier, Pissarro, Redon, Renoir, Sérusier, Signac, Toulouse-Lautrec, Vallotton und Munch gezeigt werden. Sie sieht bei Gurlitt Bilder von Rippl-Rónai und bei Schulte die der »Elfer«, Vorläufer der Berliner Secession, u.a. mit Liebermann, Alberts, von Hofmann und Klinger, namentlich erwähnt sie Leistikow. Im April auf einer Reise nach Leipzig Besuch in Klingers Atelier. Ende Mai ist die Berliner Studienzeit beendet.
Im September Übersiedlung nach Worpswede.
An ihre Tante Cora von Bültzingslöwen schreibt sie an ihrem ersten Worpsweder Abend: »Ich genieße mein Leben mit jedem Atemzug und in der Ferne glüht, leuchtet Paris. Ich glaube wirklich, daß mein stillster, sehnlichster Wunsch sich verwirklichen wird.« (7.9.1898)
Fritz Mackensen, der bereits Clara Westhoff und Marie Bock als Schülerinnen angenommen hatte, unterrichtet sie. Es entstehen lebensgroße Kohle- und Rötelzeichnungen.
»Mackensen kommt alle paar Tage und gibt eine famose Korrektur.« (Tagebuch, 18.10.1898) Ottilie Reylaender erinnert: »[...] die große angefangene Aktstudie stand auf der Staffelei. Mackensen korrigierte sie und fragte mit durchdringendem Blick, ob sie das, was sie da gemacht habe, wirklich so in der Natur sähe. Merkwürdig war die Antwort: ein schnelles ›Ja‹ und dann zögernd ›Nein‹, indem sie in die Ferne schaute.« (Ottilie Reylaender-Böhme, in: Hetsch 1932, S. 34)
Freundschaft mit der Bildhauerin Clara Westhoff.

1899
Neben den lebensgroßen Modellzeichnungen füllen sich ihre Skizzenbücher mit Landschaftszeichnungen, Figurenstudien und Kompositionsentwürfen. Erste Bilder entstehen sowie eine Reihe Radierungen, die sie auf der Handpresse auf Vogelers Barkenhoff abzieht. Daß sie Worpswede nur als einen weiteren Studienaufenthalt auf ihrem Weg betrachtet, zeigt ein Brief an die Eltern:
»Ich glaube, ich werde mich von hier fortentwickeln. Die Zahl derer, mit denen ich es aushalten kann, über etwas zu sprechen, was meinem Herzen und meinen Nerven naheliegt, wird immer kleiner werden.« (12.2.1899)
Für die anatomischen Studien zu den Aktzeichnungen hat sie ab Juni in ihrem Atelier ein Skelett. Sie liest viel, neben älterer Literatur vor allem Jacobsen und Ibsen. Im August reist sie mit ihrer Tante Marie Hill in die Schweiz, der Rückweg führt sie über München, Nürnberg und Leipzig, wo Clara Westhoff bei Klinger arbeitet, nach Dresden zur »Deutschen Kunstausstellung«, an der die Worpsweder mit 22 Bildern beteiligt sind. Im Dezember stellt sie zusammen mit Marie Bock und Clara Westhoff einige Studien in der Bremer Kunsthalle aus, die von dem Maler und Kritiker Arthur Fitger vernichtend rezensiert werden (WV 40, 41).
»Unsere heutigen Notizen müssen wir leider beginnen mit dem Ausdrucke tiefen Bedauerns darüber, daß es so unqualificirbaren Leistungen wie den sogenannten Studien von Maria Bock und Paula Boecker [sic!] gelungen ist, den Weg in die Ausstellungsräume unserer Kunsthalle zu finden, ja daß man ihnen ein ganzes Cabinet eingeräumt hat, aus dem zuvor die gewöhnlich dort befindlichen Schätze unserer ständigen Sammlungen entfernt worden sind.« (Weser-Zeitung, Bremen, Mittagsausgabe, 20.12.1899)

Die Stiftung  Publikationen  Ausstellungen  Adresse


Selbstbildnis, 1897.
Gouache 24,5 x 26,5 cm




Nachzeichnung einer griechischen Frauenbüste, London, 1892.
Kohle, 56,5 x 34 cm




Stehender männlicher Akt.
Kohle über Blei, 68,5 x 35,5 cm




Selbstbildnis, Berlin 1897.
Pastell, 45,8 x 30,8 cm




Brustbild eines Mädchens mit Feuerlilien, Worpswede 1897.
Leinwand 39,3 x 48 cm




Frau mit Kind an der Brust, 1898.
Kohle und Rötel, 80 x 46 cm
(vgl. Brief PMBs v. 16.12.1898)




Frauenkopf im Profil, 1899.
Kohle und Pastell, 37 x 62,9 cm




Stehender männlicher Akt. Worpswede, um 1899.
Kohle, 189,5 x 84,5 cm




Stehender Kinderakt mit eingezeichnetem Skelett, 1899.
Kohle, 145 x 111 cm (vgl. Brief v. Juni 1899)




Graue Landschaft mit Moorkanal, 1899.
46 x 73,5 cm, WV 45


1900
In der Neujahrsnacht reist Paula Becker zum ersten Mal nach Paris. Sie trifft dort Clara Westhoff, die an der von Rodin eingerichteten Bildhauerschule arbeitet. Beide wohnen zunächst im Grand Hôtel de la Haute Loire, 203, Boulevard Raspail. Ende Januar zieht Paula Becker in die 9, Rue Campagne Première. Sie studiert an der privaten Akademie Colarossi in der Rue de la Grande Chaumière. Ihre Lehrer sind Gustave Courtois, Raphael Collin und Louis-Auguste Girardot. Sie zeichnet und malt in der Aktklasse.
»Die Korrektur scheint sachlich und gut. Man arbeitet nicht lebensgroß, sondern im Berliner Format..« (an die Eltern, 11.1.1900), und »Ich habe vormittags Aktzeichnen belegt. Da kommen am Anfang der Woche Girardot oder Collin und korrigieren auf die Richtigkeit hin. In der zweiten Hälfte der Woche kommt Courtois, der das Malerische hauptsächlich im Auge hat, Tonwerte usw. [...] Nachmittags ist ein Kursus Croquis, auch Akt, der während zwei Stunden in vier verschiedenen Stellungen gezeichnet wird. Das ist lehrreich für die Auffassung der Bewegung.« (an den Vater, 18.1.1900). Außerdem besucht sie mit Clara Westhoff die unentgeltlichen Anatomiestunden der École des Beaux Arts. »In der Anatomie werden uns jetzt an zwei lebenden Modellen und an einer Leiche die Muskeln erklärt. Äußerst interessant, nur macht die Leiche mir leider jedesmal Kopfweh« (an die Eltern, 22.1.1900) Malunterricht nahm sie nicht, denn »da werden so viele Scheußlichkeiten geboren, daß ich mir das ohne Schwierigkeit verkneife. Saußig, nur auf die Modellierung geachtet« (an Otto und Helene Modersohn, 29.2.1900)
Sie gewinnt den »Concours« des Semesters:
»Also ich habe eine Medaille und bin in der Schule ein großes Tier geworden. Die vier Professoren haben sie mir zugesprochen.« (an die Eltern, 3.3.1900)
Stark beeindrucken sie Bilder von Cézanne, die sie beim Kunsthändler Ambroise Vollard in der 6, Rue Laffitte entdeckt.
»Eines Tages forderte sie mich auf, sie bei einem Weg ans andere Seineufer zu begleiten, um mir dort etwas Besonderes zu zeigen. Sie führte mich zu dem Kunsthändler Vollard und begann in seinem Laden gleich – da man uns ungestört ließ – die an die Wand gestellten Bilder umzudrehen und mit großer Sicherheit einige auszuwählen, die von einer neuen, wie es schien, Paulas Art verwandten Einfachheit waren. Es waren Bilder von Cézanne, die wir beide zum ersten Mal sahen. Wir kannten nicht einmal seinen Namen. Paula hatte ihn auf ihre Art entdeckt, und diese Entdeckung war für sie eine unerwartete Bestätigung ihres eigenen künstlerischen Suchens.« (Clara Rilke-Westhoff, in: Hetsch 1932, S. 43)
Häufiger Besuch des Louvre, sie beginnt ein Skizzenbuch mit Nachzeichnungen von Gemälden und Skulpturen, das sie bis 1906 benutzt (das nach dem Auslagerungsort im zweiten Weltkrieg so benannte »Bunzlauer Skizzenbuch«). In den Briefen erwähnt sie Tizian, Botticelli, Fiesole (Fra Angelico), Velázquez, Rembrandt, Holbein, della Robbia, Donatello. Von den neueren Meistern: Corot, Rousseau, Millet, Daubigny, Degas, Puvis de Chavannes, Courbet, Monet. Sie lernt Emil Nolde und die Dachauer Malerin Emmi Walther kennen. Besuch der Weltausstellung und des Skulpturen-Pavillons von Rodin am Pont de l’Alma. Sie erwähnt die bretonischen Maler Simon sowie Cottet, diesen sucht sie in seinem Atelier auf. Im Juni kommen aus Worpswede Otto Modersohn, Fritz und Hermine Overbeck und Marie Bock zu Besuch.
»Zum Schluß der Pariser Zeit kam das Erlebnis der Bilderschau von der Jahrhundertausstellung, die uns die Malerei des 19. Jahrhunderts durch Anschauung kennen lehrte. Hier war es ein Genuß sich Paulas Führung anzuvertrauen, deren Freude über Daumier, Corot und alle die anderen auch meine Freude und mein Verständnis förderten [...]« (Clara Rilke-Westhoff, in: Hetsch 1932, S. 43).
Während ihres Parisbesuches stirbt Otto Modersohns Frau Helene in Worpswede. Ende Juni kehrt Paula Becker nach Worpswede zurück und mietet sich bei Brünjes in Ostendorf ein. Die Wände läßt sie in leuchtenden Farben streichen: unten ultramarin und oben türkis, von einem rotbraunem Band getrennt. Diese farbige Wandteilung bildet bis in die letzte Zeit oft den Hintergrund ihrer Stilleben und Figurenkompositionen. Rilke nennt die Räume bei Brünjes, nach dem an der Wand hängenden Stoff mit der Bourbonenlilie, auch das »Lilienatelier«. Mit Marie Bock unternimmt sie den Versuch, Webteppiche nach ihren Entwürfen herstellen zu lassen, um sich »Subsistenzmittel« zu verschaffen. Einer dieser Teppiche sowie einige Entwürfe haben sich erhalten. Um Vogelers Barkenhoff bildet sich ein enger Freundeskreis, die »Familie«; dort treffen sich sonntags im »Weißen Saal« Otto Modersohn und Paula Becker, Heinrich Vogeler und seine spätere Frau Martha Schröder, Clara Westhoff, Marie Bock und Paulas Schwestern Milly und Herma. In diesem Kreis sind die Dichter Carl Hauptmann und Rainer Maria Rilke häufig zu Gast. Am 12. September verlobt sich Paula Becker mit Otto Modersohn. Sie mietet im Oktober das neben dem Wohnhaus Otto Modersohns gelegene Atelier von Ottilie Reylaender, die nach Paris geht. Außer einigen wenigen Figurenbildern malt sie fast ausschließlich Landschaften.



Bilderrätsel »Medaille«, Paris 1900.
Aquarell u. Tusche, 13,9 x 8,7 cm




Stehender weiblicher Rückenakt, 1900.
72,3 x 31 cm, WV 53




Mond über Landschaft, um 1900.
39 x 53 cm, WV 117


1901
Januar und Februar verbringt Paula Becker dem Wunsch ihrer Eltern entsprechend in Berlin, um kochen zu lernen. Sie wohnt bei ihrer Tante Herma Parizot in der Eisenacher Str. 61. Häufig sieht sie Rilke, der in Schmargendorf wohnt, und nutzt den erneuten Berlin-Aufenthalt zu Museums- und Ausstellungsbesuchen. Bei Cassirer sieht sie die Daumier-Ausstellung, bei Gurlitt eine Reihe von Bildern Böcklins; die Nachricht von seinem Tod bewegt sie tief. Es entstehen weitere Nachzeichnungen in den Berliner Museen. Sie erwähnt Rembrandt, Velázquez, Verrocchio, die alten Deutschen und ihre Beweinungen Christi (Hans Baldung, Meister von Meßkirch) sowie Goya.
Nach einem kurzen Besuch in Dresden ist sie am 9. März wieder in Worpswede.
»In allerletzter Zeit denke ich wieder ganz intensif [sic] an meine Kunst und ich glaube es geht vorwärts in mir. Sogar bekomme ich, glaube ich ein Verhältnis zur Sonne. Nicht zu der Sonne, die alles teilt und überall Schatten hinsetzt und das Bild in tausend Teile zerpflückt, sondern zu der Sonne, die brütet und die Dinge grau macht und schwer und sie alle in dieser grauen Schwere verbindet, auf daß sie eines sind.« (an Clara Rilke-Westhoff, 13.5.1901)
Am 25. Mai heiratet Paula Becker Otto Modersohn, der seine dreijährige Tochter Elsbeth mit in die Ehe bringt. Die Hochzeitsreise führt sie nach Berlin, Dresden und Schreiberhau zu Carl Hauptmann sowie nach Prag, München und Dachau. Auch nach der Eheschließung behält sie ihr Atelier bei Brünjes bei.
»Paulas Tag war genau geregelt. Gleich nach dem Frühstück ging sie, nachdem sie Anordnungen in der Küche gegeben, in ihr Atelier bei Brünjes, das sie schon in ihren Mädchenjahren bewohnt hatte, und in dem ich ein Oberlichtfenster ins Strohdach setzen ließ. Nach dem Mittagessen kam eine kurze Ruhepause, und dann ging’s wieder an die Arbeit. Am Abend wurden oft unsere draußen entstandenen Studien betrachtet und besprochen. Gern spielte sie Klavier oder las; nur Zeitungen rührte sie nicht an.« (Otto Modersohn, in: Hetsch 1932, S. 23)
Im Sommer entstehen eine Reihe Bildnisse und Figuren vor der Landschaft sowie einige vom Jugendstil beeinflußte Kompositionen. Am 30. November stirbt der Vater Woldemar Becker.

1902
Sie beschäftigt sich in ihren Bildern überwiegend mit Figurengruppen in der Landschaft. Gelegentlich malt sie mit Otto Modersohn vor demselben Motiv. (WV 179, 309)
»Sogar nach dem Abendbrot stürzen wir uns noch selbander hinüber ins Armenhaus und malen Farbenstudien von der Kuh, der Ziege, der dreibeinigen Alten und all den Armenkindern.« (an die Mutter, 27.6.1902)
Sie setzt sich intensiv mit ihrer Malerei auseinander und stellt Überlegungen zu Farb- und Bildaufbau an: »Ich muß einmal ganz merkwürdige Farben malen. Ich hatte gestern ein breites, silbergraues Atlasband auf meinem Schoße liegen, das begrenzte ich mit zwei in sich gemusterten schwarzen Seidenbändern. Und darauf legte ich eine kleine, stumpfe, flaschenblaugrüne Sammetschleife. In den Farben, da möchte ich wohl etwas malen. [...] Auch ich träume von einer Bewegung in der Farbe, von einem gelinden Schummern, Vibrieren, ein Schummern des einen Gegenstandes durch den anderen.« (Tagebuch, 3.6.1902), und »Ich glaube, man müßte beim Bildermalen gar nicht so an die Natur denken, wenigstens nicht bei der Konzeption des Bildes. Die Farbenskizze ganz so machen, wie man einst etwas in der Natur empfunden hat. Aber meine persönliche Empfindung ist die Hauptsache. Wenn ich die erst festgelegt habe, klar in Form und Farbe, dann muß ich von der Natur das hineinbringen, wodurch mein Bild natürlich wirkt, daß ein Laie gar nicht anders glaubt, als ich habe mein Bild vor der Natur gemalt. Ich habe in diesen Tagen so recht gefühlt, was für mich Farbenstimmung ist: daß alles auf dem Bilde seine Lokalfarbe wechselt nach dem gleichen Prinzip, daß alle gebrochenen Töne dadurch eine einheitliche Verwandtschaft erhalten.« (Tagebuch, 1.10.1902), und »Ich las und sah Mantegna. Ich fühle, wie er mir gut tut. Diese ungeheure Plastik, die er besitzt, die gibt eine solche Stärke des Wesens. Das grade fehlt meinen Sachen. Wenn bei der Größe der Form, die ich anstrebe, noch dieses Wesenhafte dazukäme, so ließe sich etwas machen. Im Augenblick stehen mir einfache, wenig gegliederte Sachen vor Augen. Meine zweite Hauptklippe ist mein Mangel an Intimität. Die Art, wie Mackensen die Leute hier auffaßt, ist mir nicht groß genug, zu genrehaft. Wer es könnte, müßte sie mit Runenschrift schreiben.« (Tagebuch, 1.12.1902)

1903
Am 9./10. Februar reist sie zum zweiten Mal nach Paris. Sie wohnt für einige Tage wieder im Grand Hôtel de la Haute Loire und bezieht am 16. Februar ein Atelier 29, Rue Cassette. Erneut besucht sie zum Aktzeichnen die Akademie Colarossi. Das Ehepaar Rilke hält sich ebenfalls in Paris auf. Sie besuchen gemeinsam Ausstellungen und die Kunsthandlungen in der Rue Lafitte; im Hôtel Drouot besichtigen sie am 15.2. die Ausstellung altjapanischer Malereien und Skulpturen der Deuxième Vente der Sammlung Hayashi.
»Mich packte die große Merkwürdigkeit dieser Dinge. Mir erscheint unsere Kunst noch viel zu konventionell. Sie drückt sehr mangelhaft jene Regungen aus, die unser Inneres durchziehen. Das scheint mir in der altjapanischen Kunst mehr gelöst. Der Ausdruck des Nächtlichen, des Grauenhaften, des Lieblichen, Weiblichen, des Koketten, alles dies scheint mir auf eine kindlichere, treffendere Weise gelöst zu sein, als wir es tun würden] Auf das Hauptsächliche das Gewicht legen!! – Als ich von den Bildern meinen Blick auf die Menschen gleiten ließ, fand ich sie viel merkwürdiger, viel schlagender, frappanter, als sie je gemalt worden sind. [...] Und nun komme ich zu der anderen Erkenntnis, die mir gestern in der Rue Lafitte kam: dieses Schaffen aus dem Moment heraus, was die Franzosen in so hohem Maße besitzen. Es ist ihnen einerlei, ob es gerade ein Bild wird, was sie schaffen, [...]. Sie schaffen, weil es sie reizt, oft im kleinsten Maßstabe. Degas, Daumier, manche kleine Sachen von Millet. Dabei haben sie eine entzückend reizvolle Art des Farbenauftrags [...]. Rodin sagte zu Clara Rilke: ›Rien à peu-près‹. Dieses Gefühl wohnt der ganzen Nation inne, dieses den Nagel auf den Kopf treffen.« (Tagebuch, 15.2.1903), und »Das sanfte Vibrieren der Dinge muß ich ausdrücken lernen. Das Krause in sich. Auch in der Zeichnung muß ich dafür den Ausdruck finden; in der Art, wie ich hier in Paris meine Akte zeichnete, nur noch origineller und dabei feinfühlig beobachtet.« (Tagebuch, 20.2.1903)
Sie zeichnet fast täglich im Louvre, neben Rembrandt und Veronese gilt ihr Interesse jetzt hauptsächlich der Antike, sie erwähnt die Tanagrafiguren. Zum ersten Mal sieht sie Reproduktionen der spätantiken Fayum-Porträts aus der Sammlung Theodor Graf.
»Ich fühle eine innere Verwandtschaft von der Antike zur Gotik, hauptsächlich die frühe Antike, und von der Gotik zu meinem Formempfinden. Die große Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares.« (Tagebuch, 25.2.1903)
Nach einem Besuch des Musée du Luxembourg erwähnt sie Manets »Olympia« und »Le balcon« sowie Renoir, Zuloaga, Cottet und Degas. Durch Rilkes Vermittlung besucht sie Rodins Pariser Atelier und seinen Pavillon in Meudon. Er zeigt ihr seine Zeichnungen und Aquarelle. Atelierbesuch bei Cottet.
Am 18. März Rückreise nach Worpswede. Es entstehen vorwiegend Bildnisse und eine Reihe ihrer »Mutter und Kind«-Darstellungen. Sommer-Aufenthalt der Familie Modersohn auf Amrum vom 9. Juli – 5. August. Im Winter 1903/04 entstehen nur wenige Bilder, sie liest viel französische Literatur.



Birkenstämme vor Landschaft, um 1901.
73,6 x 46,2 cm, WV 250




Sandkuhle, Juli 1901.
40 x 64,5 cm, WV 241




Studienblatt um 1901.
Kohle auf braunem Papier, 41,5 x 39,5 cm




Modersohns Garten in Worpswede, um 1900.
Kohle auf braunem Papier, 41,5 x 39,5 cm




Zwei nackte Jungen am Ufer, um 1902.
54,6 x 37,8 cm, WV 306


1904
Sie zieht sich von ihren Worpsweder Malerkollegen weitgehend zurück. In kritischer Auseinandersetzung mit dem bisher Geschaffenen sucht sie nach neuen Bildformen, die sie in ihren Zeichnungen vorbereitet. Eines der Bildthemen der Jahre 1904/05 ist die in die Landschaft eingebundene Figur, wie das »Mädchen im Birkenwald mit Katze« und das »Flöte blasende Mädchen im Birkenwald«.
»Viele Dinge, die sie malte, hat selbst Otto Modersohn nicht gesehen. Sie wurden geschaffen und fortgestellt. [...] Andre, an denen sie ein ungelöstes Problem quälte, behielt sie jahrelang im Atelier und nahm sie immer wieder vor, nur schauend oder auch mit dem Pinsel eingreifend. Im ganzen geschah alles in unerhörter Einsamkeit, [...]« (Herma Weinberg, in: Hetsch 1932, S. 18).
Vom 7.–18. Juli Sommerreise mit Otto Modersohn über Berlin nach Dresden, Kassel und Braunschweig (Rembrandt).
»Ich habe diesen Winter [...] eine schlechte Arbeitszeit gehabt, oder vielmehr garkeine. Es ist deshalb ein recht geeigneter Zeitpunkt, wo eine Anregung von Außen eintreten kann.« (an Herma Becker, 24.12.1904)

1905
Am 14. Februar reist sie zum dritten Mal nach Paris. Dort trifft sie ihre Schwester Herma, die sich hier zu Sprachstudien aufhält. Sie wohnt zunächst wieder 29, Rue Cassette und zieht am 20. Februar in die 65, Rue Madame. An der Académie Julian, wo in den 90er Jahren Gauguin und die »Nabis« studiert haben, meldet sie sich für einen Monat an, um »Akt zu malen von acht bis elf«.
»Im Atelier ist es komisch, lauter Französinnen, die sehr amüsant sind. [...] Sie malen aber wie vor hundert Jahren, als ob sie die Malerei von Courbet an nicht miterlebt hätten. Die meisten kennen auch nichts davon; sie gehen nur in die Ausstellungen für den prix de Rome, und das wird wohl in etwas besserer Qualität derselbe Dreck sein.« (an Otto Modersohn, 23.2.1905)
Durch Rilke Bekanntschaft mit dem norwegischen Schriftstellerpaar Johann und Ellen Bojer. Atelierbesuche bei den »Nabis« Vuillard und Denis sowie bei Cottet, der sie seinerseits in ihrem Atelier aufsucht. Sie sieht Skulpturen von Maillol.
»Merkwürdig, diesmal wirken auf mich die alten Meister nicht so stark, sondern hauptsächlich die aller, allermodernsten. Vuillard und Denis will ich aufsuchen, im Atelier hat man doch den Haupteindruck. Bonnard ist im Augenblick in Berlin, ich sah zwei Sachen von ihm die mir nicht sehr gefielen.« (an Otto Modersohn, 10.3.1905)
Mit ihrer Schwester Herma besucht sie am 25. März Denis in seinem Atelier in St. Germain-en-Laye. Am 16. März ist bei Georges Petit die Eröffnung der »Exposition de la Société Nouvelle«, u.a. mit Bildern von Cottet, Simon und Zuloaga. Dort trifft sie die Bremer Alfred Walter Heymel und Willy Wiegand. Sie bittet Otto Modersohn, ihr ein paar Adressen aus Meier-Graefes »Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst« (erschienen 1904) zu senden; der Band II enthält Literaturhinweise, Band III bei den Abbildungen die Namen der Privatsammlungen. Bei der Eröffnung des »Salon des Indépendants« am 24. März sieht sie Bilder von Matisse und den Fauves sowie die Restrospektiven der Werke Seurats und van Goghs; von diesem sind zwei Fassungen der »Berceuse« zu sehen.
Vom 29. März – 7. April kommen Otto Modersohn, Milly Becker und Martha und Heinrich Vogeler nach Paris. Sie sehen die Gauguin-Sammlung von Gustave Fayet und unternehmen einen Ausflug nach Meudon. Gemeinsame Rückreise nach Worpswede. Sie bittet die Schwester Herma in Paris, ihr Preise zu den verschiedenen Zeitschriften-Veröffentlichungen über Gauguin mitzuteilen, darunter: Noa-Noa, erschienen 1900 in La Plume, und die Biographie von Charles Morice, erschienen 1903 im Mercure de France.
»In ihren Mappen und in kleinen Rähmchen an der Wand sammelte sie Reproduktionen nach ägyptischen Porträts (Sammlung Graff [sic]), nach indischen Skulpturen, die ihr eine Tante von dort besorgte, nach persischen Miniaturen, die sie im Museum Guimet betrachtete, nach frühen Antiken, Frühitalienern (Giotto, Uccello), Altdeutschen (Strigel, Cranach): Greco, und modernen Franzosen: Gauguin, van Gogh, Cézanne, Denis, Maillol und anderen.« (Otto Modersohn, in: Hetsch 1932, S. 26)
Hierüber berichtet auch ihre Schwester Herma Weinberg: »[...] es ist mir eingefallen, daß meine Schwester in den letzten Jahren ihr winziges Eßzimmer in Kopfhöhe mit einem Fries von ägyptischen Grabportraits geschmückt hatte.« (an Günter Busch, 17.12.1961)
Im November reisen Paula und Otto Modersohn mit Heinrich Vogeler nach Soest, Münster und Hagen. Dort besuchen sie das Ehepaar Osthaus und das Folkwang-Museum.
»Das Schönste war für mich in Hagen das Museum eines Herrn Osthaus. Der hat die neuste Kunst um sich versammelt: Rodin, Minne, Maillol, und Meunier, Gauguin, van Gogh, einen alten Trübner, einen alten Renoir und viel anderes Schönes. [...] Dieser Akt aus dem Salon von dem Du schriebst ist von Maillol, einem Bildhauer, den ich im Frühling zuerst sah und sehr liebte. Die Figur ist für das Museum in Hagen bestimmt.« (an Herma Becker, 8.11.1905)
In diesem Jahr wendet sie sich verstärkt dem Stilleben zu und beginnt gegen Ende des Jahres mit den großen Aktkompositionen. Im November porträtiert sie Clara Rilke-Westhoff. Zu Weihnachten ist Rainer Maria Rilke in Worpswede und besucht sie in ihrem Atelier. An Karl von der Heydt schreibt er aus Meudon:
»Das merkwürdigste war, Modersohns Frau an einer ganz eigenen Entwicklung ihrer Malerei zu finden, rücksichtslos und gradeaus malend, Dinge, die sehr worpswedisch sind und die doch noch nie einer sehen und malen konnte. Und auf diesem ganz eigenen Wege sich mit van Gogh und seiner Richtung seltsam berührend.« (16.1.1906)
Kurz darauf erwirbt Rilke das Bild »Säugling mit der Hand der Mutter«. (WV 643)
Zur Jahreswende reisen Modersohns auf Einladung Carl Hauptmanns vom 28. Dezember bis 13. Januar nach Schreiberhau. In dem Freundeskreis dort treffen sie u.a. den Soziologen Werner Sombart und bei einem Ausflug nach Dresden den Maler Otto Mueller.



Schlafendes Kind, um 1904.
62,5 x 69,5 cm, WV 460




Selbstbildnis mit Bernsteinkette, um 1905.
34,5 x 27,3 cm, WV 535




Stillleben mit Robbia-Putto, um 1905.
Leinwand, 50 x 75 cm, WV 613




Pariser Straße mit Kapuzenkind, 1905/6.
Kohle, 29,3 x 21,7 cm




Pariser Pferdeomnibus, 1905/6.
Kohle, 29,8 x 22 cm




Pont au Double, 1905/6.
Kohle, 21,7 x 25 cm


1906
Die Rückreise von Schreiberhau führt sie über Dresden und Berlin. Besuch des Kaiser-Friedrich-Museums und der Jahrhundert-Ausstellung Deutscher Kunst von 1775–1875 in der Nationalgalerie.
»Dann findet in Berlin eine Ausstellung der Maler des letzten Jahrhunderts statt. Sie war noch nicht eröffnet. Wir erhielten aber freien Zutritt und konnten uns die an die Wand gelehnten Schätze beschauen: Leibl, Trübner, Böcklin, Feuerbach, Marées. Es waren wundervolle Sachen darunter.« (an Milly Rohland-Becker, 17.1.1906)
Am 23. Februar reist sie zu einem längeren Aufenthalt nach Paris. Sie will sich von Otto Modersohn trennen. Bereits am 17.2. schrieb sie an Rainer Maria Rilke, mit dem sie über ihre Pläne gesprochen hatte:
»Und nun weiß ich gar nicht wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker. Ich bin Ich, und hoffe, es immer mehr zu werden.« In demselben Brief spricht sie von Ausstellungsmöglichkeiten in Paris, die er für sie erkundet hat: »Den Salon will ich gar nicht versuchen, die Indépendants nächstes Jahr. Dann giebt es vielleicht schon etwas Besseres.« Und an Otto Modersohn schreibt sie am 9.4. aus Paris:
»Ich fühle mich selbst unsicher, da ich alles, was in mir und um mich sicher war, verlassen habe. [...] Willst Du mir für die nächste Zeit monatlich 120 Mark geben, daß ich leben kann?«
Sie wohnt zunächst wieder 29, Rue Cassette und bezieht Anfang März ein Atelier 14, Avenue du Maine. Bei Durand-Ruel sieht sie die »schöne Manet-Ausstellung« mit Bildern aus der Sammlung Faure und einen Saal mit Werken von Odilon Redon, der sie »nicht begeistern kann«. Kurz darauf schreibt sie:
»Ich habe prachtvolle Courbets gesehen, es thut mir leid, daß er gerade Mode ist. Ich finde ihn aber großartiger als Manet und Monet.« (an Otto Modersohn, 9.4.1906)
Im März/April besucht sie Anatomie- und Aktkurse an der École des Beaux-Arts.
»Ich bin jetzt ordentlich im Zeichnen drin und es macht mir Freude zu merken, was ich alles hier lernen kann. [...] Meine Malereien sehen hier dunkel und saucig aus. Ich muß in eine viel reinere Farbe kommen. Ich muß modellieren lernen.« (an Otto Modersohn, 19.3.1906). Und sie notiert: »Marées und Feuerbach. Marées der größere. F. nahm eine conventionelle Ausdrucksform an. Der große Stil der Form verlangt auch einen großen Stil der Farbe. Zola sagt im L’Œuvre: Der Delacroix steckt uns armen Realisten in den Knochen.« (um den 8.5.1906)
Sie malt Werner Sombart, den sie in Paris wiedersieht. Am 31. März trifft sie Rilke in Paris, mit dem sie öfters gemeinsame Ausflüge unternimmt, an denen gelegentlich auch Ellen Key und das Ehepaar Bojer teilnehmen. Am 21. April sind sie an der Enthüllung von Rodins »Denker« vor dem Panthéon dabei, auch die Frau von Bernard Shaw und der Bildhauer Aristide Maillol sind anwesend. Die Ostertage Mitte April verbringt sie mit ihrer Schwester Herma in St. Malo in der Bretagne. Sie sieht die naiven Skulpturen, die der Abbé Fouré bei Rothéneuf in die Felsen geschlagen hat. In den Monaten April-Juni sind in der Société des Beaux-Arts Gemälde von Maurice Denis und Pierre Bonnard zu sehen, in der Galerie Bernheim-Jeune 44 Gemälde von Félix Vallotton und 32 Arbeiten Vuillards. Sie lernt das Ehepaar Hoetger kennen. Am 4. Mai sieht Hoetger in Paula Modersohn-Beckers Atelier ihre Arbeiten und ist überzeugt von ihrem großen Talent. Es folgen Wochen intensiver Arbeit. In einer Reihe Zeichnungen von sitzenden, knienden und liegenden Müttern mit Kindern erarbeitet sie die danach entstehenden großen Figurenkompositionen.
»Es wird. Ich arbeite ganz riesig. Ich glaube, es wird. Schickst Du mir wohl umgehend die Wurmsche Farbensendung die bei Br. [ünjes] steht. Das Atelier kündige bitte.« (an Otto Modersohn, 8.5.1906)
An Vogelers, die im Mai das »Stilleben mit Äpfeln und grünem Glas« (WV 659) von ihr erwerben, schreibt sie: »Ich male lebensgroße Akte und Stilleben mit Gottvertrauen und Selbstvertrauen.« (an Martha Vogeler, 21.5.1906)
Zwischen dem 13. Mai und 2. Juni entsteht das Bildnis von Rainer Maria Rilke. Über Pfingsten vom 2.–8. Juni kommt Otto Modersohn zu Besuch. Ende Juni ist der Paris-Aufenthalt der Schwester Herma beendet. Im Juni/Juli setzt sie die Arbeit an den Fassungen der »Liegenden Mutter mit Kind« fort (WV 656).
»Ich fange jetzt an zu versuchen an den Sachen länger zu arbeiten. Mir scheint das ist der einzige Weg der mich zu etwas führen kann.« (an Heinrich Vogeler, 30.7.1906; dies bezieht sich wohl auf die zweite Fassung).
Mit Hoetgers verbringt sie Ende Juli ein paar Tage auf dem Land in Burs bei Paris. Anfang August entstehen dann in Paris die Porträts von Lee Hoetger (WV 685, 686).
»Ich male im Augenblick Frau Hoetgers Porträt, die prachtvoll großartig aussehen kann und schwer mit einer riesigen Haarkrone, blond, kollossal formvoll.« (an Heinrich Vogeler, 12.8.1906)
Mit Hoetgers Atelierbesuch bei dem »Douanier« Henri Rousseau. Es entstehen die Reihe der Selbstbildnisse als Halbakt vor einem in die Fläche gebreiteten Blattwerk (WV 678), die von den Fayum-Bildnissen angeregten Selbstbildnisse in schmalem Ausschnitt sowie die »Kniende Mutter mit Kind an der Brust«. (WV 693) Im September gibt sie den Gedanken an eine Trennung von Otto Modersohn auf. An Clara Rilke-Westhoff schreibt sie hierzu am 17.11.1906:
»Ich werde in mein früheres Leben zurückkehren mit einigen Änderungen. Auch ich selbst bin anders geworden etwas selbständiger und nicht mehr voll zu viel Illusionen. Ich habe diesen Sommer gemerkt, daß ich nicht die Frau bin alleine zu stehn. Außer den ewigen Geldsorgen würde mich gerade meine Freiheit verlocken von mir abzukommen.« Und an ihre Schwester Milly am 18.11.1906: »Wir wollen versuchen, Brünjes zu kaufen, um unser Leben freier und breiter um uns zu gestalten, mit allerhand Getier um uns herum.«
Ende Oktober kommt Otto Modersohn für den Winter nach Paris, begleitet von Heinrich und Martha Vogeler, die dort eine Woche bleiben. Im »Salon d’Automne« im Grand Palais sehen sie u.a. Arbeiten von Bonnard, Cézanne, Delaunay, Derain, Jawlensky, Kandinsky, Matisse, Puy, Redon, eine Courbet-Retrospektive sowie die große Gauguin-Retrospektive mit 227 Arbeiten.
Ende Oktober bezieht sie ein neues Atelier 49, Boulevard Montparnasse. In einer Ausstellung der Worpsweder Künstler, die im November in der Bremer Kunsthalle gezeigt wird und anschließend bei Gurlitt in Berlin zu sehen ist, sind vier ihrer Bilder ausgestellt. In einer Besprechung der Ausstellung, die Gustav Pauli für die Zeitung schreibt, heißt es:
»Mit ganz besonderer Genugtuung begrüßen wir diesmal einen nur allzu seltenen Gast in der Kunsthalle in Paula Modersohn-Becker. Aufmerksame Leser der Bremer Kunstberichte erinnern sich noch der grausamen Abfertigung, die der höchstbegabten Künstlerin vor einigen Jahren [...] zu teil wurde. Leider wird, wie ich fürchte, ihr ernstes und starkes Talent auch jetzt unter dem großen Publikum nicht viele Freunde finden.« (Bremer Nachrichten, 11.11.1906)
Paula und Otto Modersohn verbringen die Weihnachtstage in Bremen.



Bildnis Rainer Maria Rilke, Mai/Juni 1906.
32,3 x 25,4 cm, WV 643




Selbstbildnis, die rechte Hand am Kinn, Sommer 1906.
Monotypie, 26,3 x 19 cm, WV 673




Selbstbildnis, die rechte Hand am Kinn, Sommer 1906.
Monotypie, 27 x 21,2 cm, WV 674




Kniende Frau mit Vogel, um 1906.
Pastell, 68,5 x 52,5 cm




Weiblicher Akt mit Kind auf dem Arm, Mai 1906.
Kohle, 31,1 x 24,3 cm


1907
Rilke erkundigt sich in einem Brief: »Haben Sie Maillol mal wiedergesehen, und was ist aus Hoetger geworden?« (an Paula Modersohn-Becker, 17.3.1907)
Vor der Rückreise nach Worpswede Ende März sieht sie noch die Cézanne-Sammlung von Pellerin. Zu Ostern am 31. März sind sie wieder in Worpswede.
»Ich sitze wieder in meinem kleinen Atelier bei Brünjes mit den grünen Wänden und unten hellblau. [...] Ich habe Wünsche zu arbeiten, um so mehr als ich die letzten Monate in Paris auch nichts that. Nur habe ich in unsern allerletzten Tagen Cézanne gesehen, Wunderschönes aus seiner Jugend. Der Salon d’Automne wird ja eine Sonderausstellung von ihm machen.« (an Rainer Maria Rilke, 5.4.1907)
Später im Oktober schreibt sie an Clara Rilke-Westhoff:
»Und jetzt in den letzten Tagen meines Pariser Aufenthaltes ganz merkwürdige Jugendgebilde in der Gallerie Pellerin. Sagen Sie ihrem Mann, er soll versuchen Pellerin zu sehen, hat 150 Cézannes. Ich habe nur einen kleinen Teil davon gesehen, aber es ist herrlich.« (21.10.1907)
Anfang Juli besucht sie Helene und Bernhard Hoetger in Holthausen (Westfalen). Es entstehen noch einige Figurenbilder, darunter die beiden Armenhäuslerinnen (WV 719, 720) und Stilleben.
»Ich habe diesen Sommer wenig gearbeitet und von dem wenigen weiß ich nicht, ob Ihnen etwas gefallen wird. In der Konzeption bleiben sich die Sachen wohl im ganzen gleich. Aber die Art, wie sie in die Erscheinung treten, ist wohl eine andere. Ich möchte das Rauschende, Volle, Erregende der Farbe geben, das Mächtige. Meine Pariser Arbeiten sind zu kühl und zu einsam und leer. [...] Ich wollte den Impressionismus besiegen, indem ich ihn zu vergessen suchte. Dadurch wurde ich besiegt. Mit dem verarbeiteten, verdauten Impressionismus müssen wir arbeiten.« (an Bernhard Hoetger, Sommer 1907)
An Rilke schreibt sie am 10.8.1907:
»Also Bd. Montparnasse 49 bei Mme Vitti müssen Sie vorgehen und nachfragen, was von meinem Nachlaß noch existiert: somnier mit Matratze, ein großer Spiegel, zwei Stühle, zwei Tische war das hauptsächlichste und allerhand Gerätschaften.«
Am 21. Oktober schickt Rilke ihr den erbetenen Katalog des Salon d’Automne mit der Cézanne-Retrospektive und die Nummern vom 1. und 15.10. des »Mercure de France« mit Emile Bernards »Souvenirs sur Paul Cézanne et lettres inédites«. Clara Rilke-Westhoff schreibt am 18.10., daß sie in den nächsten Tagen nach Worpswede kommen will, um ihr aus Rilkes Briefen mit den Berichten über die Cézanne-Ausstellung vorzulesen, und am 21.10. schreibt Paula Modersohn-Becker an die Freundin:
»Ich denke und dachte diese Tage stark an Cézanne und wie das einer von den drei oder vier Malerkräften ist, der auf mich gewirkt hat wie ein Gewitter und ein großes Ereignis. Wissen Sie noch 1900 bei Vollard. [...] Kommen Sie doch bald mit den Briefen, am liebsten gleich Montag, denn ich hoffe ja endlich bald anderweitig in Anspruch genommen zu sein. Wenn ich hier jetzt nicht absolut notwendig wäre, müßte ich in Paris sein.«
Am 2. November wird die Tochter Mathilde geboren. Die Mutter berichtet an die Schwester Milly Rohland-Becker in Basel:
»Heute am Dienstag nun bin ich wieder da [...]. Die Badeszene war heut herrlich! Paula liegt in ihren schneeweißen Kissen unter ihren geliebten Gauguins und Rodins.« (5.11.1907), und »Vor Tische gingen Otto Kurt und ich auf Kurts Wunsch in Paulas Atelier – das durfte sie aber nicht wissen. Da sahen wir ein höchst originelles Blumenstück von Sonnenblumen und Malven, prachtvoll gemalt und mehrere gute Stilleben, auch die großen Pariser Akte interessierten uns sehr.« (10.11.1907)
Am 20. November stirbt Paula Modersohn-Becker an einer Embolie.


Zitate aus: Paula Modersohn-Becker in Briefe und Tagebüchern, Frankfurt 2007 und Rolf Hetsch, Paula Modersohn-Becker. Ein Buch der Freundschaft, Berlin 1932.



Otto Modersohn schlafend, Paris 1906/07.
39,7 x 46,3 cm, WV 689




Stillleben mit blauem Kasten, 1907.
27,3 x 35,7 cm, WV 732